VPN und Zero Trust – (k)ein Widerspruch in modernen IT-Sicherheitsarchitekturen?

In der IT-Security-Diskussion scheint die Rollenverteilung klar: VPN gilt als überholt, Zero Trust als Sicherheitsmodell der Zukunft für den Zugriff auf Unternehmensressourcen. Doch diese verkürzte Darstellung greift zu kurz. Zwar existieren grundlegende Unterschiede zwischen VPN und Zero Trust, diese werden jedoch häufig vorschnell als unvereinbar interpretiert.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob sich VPN und Zero Trust unterscheiden, sondern ob diese Unterschiede einem gemeinsamen Einsatz in modernen IT-Architekturen entgegenstehen.

Übersicht:

  1. VPN und Zero Trust – zwei unterschiedliche Ansätze 
    1.1 Das klassische VPN-Verständnis 
    1.2 Zero Trust: Vertrauen wird nicht vorausgesetzt
  2. Wo entsteht der scheinbare Widerspruch zwischen VPN und Zero Trust?
  3. VPN als Transportmechanismus – nicht als Sicherheitsphilosophie
  4. Fazit: VPN und Zero Trust schließen sich nicht aus

VPN und Zero Trust – zwei unterschiedliche Ansätze

Das klassische VPN-Verständnis

Ein klassisches Virtual Private Network (VPN) basiert auf dem Prinzip der Perimetersicherheit. Nach einer einmaligen Authentifizierung – etwa per Passwort, Zertifikat oder Multi-Faktor-Authentifizierung – erhält der Benutzer Zugriff auf das interne Netzwerk. Aus Sicht der IT-Infrastruktur wird der Client anschließend als „intern“ betrachtet.

Genau hier liegen die bekannten Schwächen dieses Modells:

  • Implizites Vertrauen nach erfolgreicher Einwahl
  • Netzwerkbasierte statt anwendungs- oder kontextbezogene Zugriffskontrolle
  • Potenziell ungehinderte laterale Bewegungen innerhalb des Netzes

Dieses Sicherheitsmodell steht im Widerspruch zu heutigen Bedrohungsszenarien, in denen kompromittierte Endgeräte, gestohlene Identitäten und Insider-Threats eine zentrale Rolle spielen.

Zero Trust: Vertrauen wird nicht vorausgesetzt 

Zero Trust Security folgt dem Grundsatz: „Never trust, always verify.“
Charakteristisch für eine Zero-Trust-Architektur sind:

  • Kein implizites Vertrauen – weder für interne Benutzer noch für Netzsegmente
  • Kontinuierliche Überprüfung von Identität, Gerätezustand und Kontext
  • Zugriff nach dem Prinzip der minimalen Rechte (Least Privilege)
  • Fokus auf Anwendungen, Services und Ressourcen statt auf Netzwerke

In einem konsequent umgesetzten Zero-Trust-Modell ist es sicherheitstechnisch irrelevant, ob sich ein Benutzer innerhalb oder außerhalb des Unternehmensnetzwerks befindet.

Wo entsteht der scheinbare Widerspruch zwischen VPN und Zero Trust?

Der wahrgenommene Konflikt entsteht vor allem dadurch, dass VPN häufig mit einem Alles-oder-nichts-Zugriffsmodell gleichgesetzt wird. In dieser klassischen Ausprägung ist VPN tatsächlich nur eingeschränkt mit Zero Trust vereinbar.

Dabei wird jedoch häufig übersehen:
VPN ist kein Sicherheitsmodell, sondern primär eine Technologie zur sicheren und verschlüsselten Datenübertragung zwischen Endpunkten.

VPN als Transportmechanismus – nicht als Sicherheitsphilosophie

Der vermeintliche Widerspruch löst sich auf, sobald VPN nicht als Sicherheitsphilosophie, sondern als sicherer Transport- und Verbindungsmechanismus verstanden wird. Auch in Zero-Trust-Szenarien kann VPN eine sinnvolle Rolle spielen, etwa um:

  • Datenverkehr zuverlässig zu verschlüsseln
  • Unsichere Netze (z. B. öffentliche WLANs) abzusichern
  • Legacy-Systeme anzubinden, die keine modernen Zugriffsmethoden unterstützen

Entscheidend ist, was nach dem Tunnel passiert. Erfolgt die Zugriffskontrolle Zero-Trust-konform – beispielsweise durch starke Identitätsprüfung, kontextabhängige Policies und feingranulare Autorisierung – kann VPN ein sinnvoller Bestandteil einer Zero-Trust-basierten Hybridarchitektur sein.

Moderne VPN-Lösungen bieten zudem weit mehr als reine Konnektivität, etwa:

  • Feingranulares Routing
  • Benutzer- und systembasierte Richtlinien
  • Moderne Authentifizierungsmechanismen
  • Integration in Identity- und Access-Management-Systeme

Damit können sie Zero-Trust-Architekturen funktional ergänzen und absichern.

Fazit: VPN und Zero Trust schließen sich nicht aus

VPN und Zero Trust sind kein grundsätzlicher Widerspruch, sondern folgen unterschiedlichen Denkschulen. Ein klassisches VPN als alleiniger Sicherheitsmechanismus ist nicht mit Zero Trust vergleichbar. Eine leistungsfähige VPN-Lösung, eingebettet in eine umfassende Zero-Trust-Architektur, kann jedoch eine tragfähige und praxisnahe Basis bilden.

Gerade hybride Ansätze ermöglichen Unternehmen einen realistischen Übergang vom netzwerkzentrierten Sicherheitsdenken hin zu einem identitäts- und ressourcenbasierten Modell. Der Abschied von implizitem Vertrauen erfolgt nicht abrupt, sondern schrittweise.

Eine etablierte, richtig integrierte VPN-Infrastruktur unterstützt diese Transformation nicht nur, sondern sichert diese kritische Übergangsphase erst richtig ab. Darüber hinaus gewinnt auch der Betrieb von Zero-Trust Strukturen auf Basis sicherer Verbindungen an Vertrauen.